Zimmer 63 (Teil 7)- Karla

Ich habe ein Zimmer, das ich nicht mehr sehen kann, aber an das ich mich erinnere. Ein Zimmer, in dem ich aufwache, heute, nachdem ich geschlafen habe. Ich habe ein Zimmer, in das die Sonne scheint, seit über fünfzig Jahren. Ich kann nicht ausdrücken, wie glücklich mich das macht.

Nach meiner Rückkehr rief Karla mich an. Meine liebe Karla, völlig verheult war sie am Telefon, erst dachte ich wegen mir. Aber dann erzählte sie mir von ihrem Beziehungsdrama. Irgendwas mit Corona und zwei Männern. Wirklich tragisch, ich hörte zu und fühlte mit, danach habe ich alles wieder vergessen. Sie versprach, bald vorbeizukommen. Bald, wenn sie wieder darf.

Vielleicht werde ich ihr dann von meinen Tagen in Zimmer 63 berichten. Vielleicht kann sie das weitererzählen, irgendwie öffentlich machen, oder zumindest dokumentieren. Ich meine, wir leben im Jahr 2020, das ist doch alles nicht mehr zeitgemäß, was ich dort erlebt habe.

Aber ich bin 88 Jahre alt. Wer hört mir noch zu?

Es soll mir gleich sein. Ich werde es ihr erzählen, und dann möchte ich damit abschließen. Was sie damit macht, ist mir egal. Nie wieder daran denken.

Ich habe ein Zimmer, von dem ich nur noch die groben Umrisse erahne, aber das ich schon so oft gesehen habe. Ich weiß, wo der Tisch steht mit den Fotos. Wo die Bücher. Wo der Schrank. Ich weiß, wo das Licht hereinfällt. Es ist mein Zimmer, mein Zuhause. Ich werde es nicht mehr verlassen.