Die Coronarien (Teil 7)

An der Gartenpforte hebe ich im Abgang noch einmal die Hand. Thomas lehnt in der Haustür und sieht mir nach, ich spüre seinen rechtschaffenen Blick im Rücken. Aber umdrehen – nein danke! Den Triumph gönne ich ihm nicht. Wenn ich eines gelernt habe, dann als Verlierer eine gute Figur zu machen. Erhobenen Hauptes ziehe ich meinen Rollkoffer hinter mir durch die Nacht.

Erst als ich außer Sichtweite bin, bleibe ich stehen.

Ein leichter Nieselregen gibt der Einfamilienhaussiedlung einen silbrigen Glanz. Wo die Straßenbahnhaltestelle ist, weiß ich. Aber dass jetzt noch eine fährt, wage ich zu bezweifeln. Egal. Ich weiß sowieso nicht, wohin.  Für ein Hotel fehlt mir das Geld.

Und für alles andere auch.

Zum Glück ist es nicht Winter, eine Nacht im Freien werde ich überleben. Falls ich mir dabei eine Erkältung zulege, halten die anderen wenigstens Abstand – selbst Husten hat zwei Seiten. Aber das ist das einzig Positive, was mir gerade einfällt.

Ich stelle den Rollkoffer neben mir ab, ziehe frierend die Schultern hoch und stecke meine Hände in die Manteltaschen. Meine Finger stoßen auf ein Döschen. Gedankenverloren stecke ich mir eine Oggo-Oggo-Sanef-Pille in den Mund. Ich muss ja nicht auch noch impotent werden. Dann fällt mir ein, dass ich mir den Mist selbst ausgedacht habe, und spucke das Ding wieder aus.

Es schmeckt wirklich zu deutlich nach Pfefferminz.

Die Augen geschlossen neige ich den Kopf nach hinten, recke mein Gesicht den Regentropfen entgegen und öffne den Mund. Es ist nicht genug. Nicht genug, um den Geschmack zu vertreiben. Nicht genug, um meinen Durst zu stillen. Nicht genug, um mich zu ersäufen. Nicht genug für irgendwas.

Auch wenn ich ewig so stehen bleiben würde.

Entschleunigung, na toll. Darüber können sich die Leistungsstreber freuen, die im Hamsterrad dem Herzinfarkt entgegenstrampeln und dann in üblicher Bescheidwisser-Manier davon schwafeln, dass die Krise auch eine Chance sei. Ich hatte mein Leben bereits entschleunigt. Alle zwei Wochen ein paar Arien trällern, das kriegt auch ein Faultier im Rentenalter noch hin. Und jetzt?

Ich bin am Nullpunkt angelangt.

Noch mehr Entschleunigung geht nicht.

Mein Handy brummt.

Eine Weile ignoriere ich es, dann gucke ich aufs Display. Eine SMS von Rober. Meine Wohnung wird nicht mehr gebucht. Damit war zu rechnen: Die Herbstferien sind zu Ende, außerdem empfiehlt die Politik im Angesicht der zweiten Welle allen, zu Hause zu bleiben. Das heißt auch für mich, ich kann nach Hause kommen.

Für einen kurzen Moment freue ich mich. Dann denke ich an meinen Kontostand.

Ab jetzt bin ich im Rückwärtsgang, und zwar mit Vollgas.