Die Coronarien (Teil 6)

„Und? Hast du die Maus im Dom gesehen? Die ist doch süß.“

Sabine scheint auf irgendein Highlight aus ihrem Reiseführer anzuspielen. Ich rette mich in einen vermeintlichen Weser-Spaziergang. Fluss ist Fluss, da werde ich irgendwas zusammenfabulieren können.

Wie gestern Abend haben wir drei uns in gehörigem Abstand in die Couchgarnitur versenkt. Allerdings gibt es statt Wein Tee. Das haben meine Gastgeber so entschieden. Vielleicht ein Zeichen, aber man kann Zeichen auch überbewerten. Immerhin durfte ich zwischen schwarzem oder Kräutertee wählen und vor allem sind die Kinder im Bett.

Nach dem nötigen Vorgeplänkel ziehe ich mein Pillendöschen hervor.

„Habt ihr eigentlich schon mal was von Oggo-Oggo-Sanef-Extrakt gehört?“

Verschwörerisch senke ich die Stimme. Thomas und Sabine sehen mich erstaunt an. Verwundert schütteln sie die Köpfe.

… und so nehme ich sie gnädig in den Kreis der Eingeweihten auf.

„Die vertreibe ich exklusiv“, beende ich meine Ausführungen. „Wenn ihr wollt … kostet nur 50,00 Euro.“

„Und die schützen?“ Thomas hat sich das Pillendöschen genommen und begutachtet skeptisch eine Pille. „Was bedeutet FF?“

„FF?“

Mist! Jetzt sehe ich es auch. Die Pillen sind nicht so neutral, wie ich gedacht habe. Vielleicht hätte ich sie mir vor dem Umfüllen genauer ansehen sollen. Und sie dann Firi-Firi-Ganesh genannt …? Besser ich hätte die anderen genommen. Aber die waren von der Form her verräterisch.

Während ich noch von „free force“ fasele, einer Formel, die die Wirkung unterstützt und gleichzeitig der Name des Vertriebsnetzwerkes ist, steckt Thomas sich eine Pille in den Mund. Bedächtig lutscht er darauf herum.

Mein Redefluss versiegt. Ich ahne, dass jedes weitere Wort verschwendet wäre.

„Ich glaube, es wird Zeit, dass du deine Sachen packst.“

Ohne mich anzusehen, legt Thomas die Schachtel auf den Tisch.

„Kein Problem“, nehme ich meine Niederlage auf die leichte Schulter, „das passt. Ich muss morgen sowieso los, ich habe da eine Anfrage in …“

„Ich rede nicht von morgen“, unterbricht mich Thomas.

„Äh …“

Erstaunt sehe ich ihn an.

Thomas schweigt. Den Oberkörper nach vorne geneigt, Ellenbogen auf den Knien, die Finger vorm Mund ineinander verschränkt – ich weiß nicht, wie er es in diesem Sessel hinkriegt, der jeden Körper mit seiner Labberigkeit aufsaugen oder zumindest infizieren müsste, aber wieder erinnert er mich an diesen FDP-Politiker. Der hat auch immer klare Kante gezeigt – zumindest wenn er wusste, dass er es mit Schwächeren zu tun hatte.

Und dass ich gerade ganz unten auf der sozialen Leiter stehe, ist Thomas endlich klar geworden.