Quiet Earth (Teil 6)

Er lässt den Whisky seine entzündete Kehle herunterrinnen. Medizin, sie brennt etwas. Er hofft, dass sie nicht zu viel desinfiziert.

Zufrieden blickt er in die Runde: exklusive Damen und Herren, ekstatische Bewegungen, Blicke, Berührungen. Josephine neben ihm im Liebesspiel mit einer Blondine, die sich Sissi nennt. Für die Lust hat Josephine schon immer jede Vorsicht fahren lassen.

Ob unter diesen exklusiven Menschen wohl noch ein aktiver Spreader ist, fragt er sich. 

Er beginnt eine Melodie vor sich her zu summen: „Wiiir machen mit bei der Rettung der Eeerde!“

Er hätte sich mit anderen koordinieren können. Im Darknet werden nicht nur Baupläne für Aerosol-verbreitende Masken ausgetauscht und Hacks zur missbräuchlichen Verwendung der Corona-App, sondern auch Absprachen zur planmäßigen Infizierung bestimmter Regionen getroffen. Aber er will lieber Einzelkämpfer bleiben, ohne andere Spreader und erst recht ohne Verschwörer und Querdenker. Die Sache für sich durchziehen, für die Lust und vor allem für die Kunst. Bald wird er sein Manuskript fortsetzen.

Und darauf hat die Welt schließlich gewartet. Wirklich: er wird die Welt retten.

Der Morgen ist lautlos. Durch leere Straßen laufen sie zum Hotel. 

„Was schaust Du denn ständig auf dein Handy?“, fragt Josephine neben ihm.

Die manipulierte App zeigt an: 667 potenzielle Ansteckungen in den letzten 24 Stunden. Ein bisschen über sein Tagesziel hinausgeschossen. Ein bisschen mehr Bandit, als er es sich vorgenommen hat. Doch er ist stolz, er lächelt und zischt Josephine zu: „Psssst!“