Zimmer 63 (Teil 6) – Abschied

Es war der Pfleger, der mir die Finger in den Mund steckte, weil er mir nicht glaubte, dass ich die Tabletten geschluckt hatte. Ich erkannte seine Stimme. Sie hat etwas Boshaftes, Herzloses. Das Abendessen war schon wieder abgeräumt und ich wurde nervös. Also nahm ich mir ein Herz und fragte ihn nach meinem neuen Zimmer. Das Zimmer, das die Ärztin mir versprochen hatte.

„Da weiß ich nichts von“, antwortete er. „Außerdem hätte ich da ja wohl auch noch ein Wörtchen mitzureden.“

Ich war sprachlos. Ich bin es noch immer. Ich liege hier wach, höre Herrn X stöhnen, im üblichen Rhythmus. Ich weiß nicht, wann ich zuletzt geschlafen habe, wirklich geschlafen und nicht nur weggedöst bin. Ich bin auch nicht sicher, welcher Tag heute ist. Ich kann nicht mehr antworten, wenn ich etwas gefragt werde. Das Telefon wollten sie mir geben, aber ich konnte nicht. Ich liege hier wie auf Holz, bei jeder Gelegenheit dämmere ich weg, egal ob bei Tag oder Nacht.

Irgendwann höre ich Stimmen, die sich nähern. Vertraute Stimmen.

„Wir müssen Sie als Bevollmächtigte darauf hinweisen, dass Sie Ihre Mutter auf eigenes Risiko entlassen. Ihr Blutdruck hat sich nicht stabilisiert, die Gefahr eines weiteren Schlaganfalls ist akut und die Wahrscheinlichkeit, dass ein nachfolgender Schlaganfall den vorangegangenen an Heftigkeit übertreffen wird, ist mehr als gegeben“, sagt eine männliche Stimme, die sich Mühe gibt, formell zu sprechen. 

„Ich unterschreibe das. Sie kann in diesem Zimmer nicht gesund werden“, höre ich Maria bestimmt sagen.

Wie hat sie das geschafft? Wer hat sie informiert? Wie ist sie hier rein gekommen?

„Aufgrund der aktuell geltenden Corona-Maßnahmen dürfen Sie Zimmer 63 zum Schutze des anderen Patienten leider nicht betreten. Eine Pflegekraft wird Ihrer Mutter aus dem Bett helfen.“ Jetzt erkenne ich seine Stimme. Es ist der Oberarzt, der neulich zur Visite in unserem Zimmer war, bei mir und Herrn X.

Was wird aus Herrn X werden? Wird er merken, wenn ich nicht mehr mit ihm in diesem Zimmer bin? Hat Herr X auch jemanden, der sich für ihn einsetzt?

„Frau Bexe, aufwachen!!!“, höre ich die Pflegerin in mein Ohr schreien.

Ich schrecke auf. Wer war die Ärztin, die mir ein anderes Zimmer versprochen hat? Was ist aus ihr geworden? Habe ich sie wirklich je gesprochen? Wie lange habe ich in diesem Zimmer gelegen?

Fünf Nächte, antwortet Maria.