Pusteblume FreeFall (Teil 6)

„Abstand“, habe ich zu Lou gesagt. „Ich brauche Abstand.“

Wir mussten ein bisschen lachen. Der Kontext. Ich fragte Lou, ob es okay sei, er zuckte die Achseln, was sollte er machen?

Drei Tage ist das jetzt her. Lou war sehr blass und ich umarmte ihn, verletzte damit die Regeln, die ich soeben selbst aufgestellt hatte, verletzte das allgemeine Hygienekonzept und garantiert auch Lous Gefühle, wusste nicht, was ich tun sollte, also sagte ich bloß: „Sorry. Bye!“ Ich will die Dinge klar kriegen. Denn so viel ist sicher: Ich liebe Till. Immer schon. Immer noch. Schon wieder. Neu. Anders.

Lou sollte mein Paragliding sein, mein Freischwimmer in unbekannten Gewässern. Dabei ist er nur eine Rettungsleine, die ich nach Belieben auswerfen und einholen kann und dabei kein wirkliches Risiko eingehe. Ich bin nicht stolz darauf. Wirklich nicht.

Das Beichten hab ich verschoben, auf unbestimmte Zeit. Beichten ist nicht immer der richtige Weg. Das sagen sie auch in den Beziehungs-Podcasts.

Aber Oma werde ich anrufen. Gleich morgen.

Jetzt liegen Till und ich im Bett, eng aneinander gekuschelt. Er hat den Film mit der Haien im Maya-Tempel rausgesucht, will ihn anschauen, mir zuliebe. „Du magst solchen Quatsch doch.“

Ich schaue den Hai-Horror also ein zweites Mal, spiele an einschlägigen Stellen die Erschrockene, erkläre den Film irgendwann für unterirdisch. Diesmal lachen Till und ich – Kontext Höhlenlabyrinth – und ich schiebe meine Hand unter sein T-Shirt. „Lass uns was anderes machen.“

Hinterher liege ich an ihn geschmiegt da und lausche in die Dunkelheit.

Mein Telefon summt. Lous Name leuchtet auf. Ich schließe die Augen. Das Summen hört auf und setzt ein paar Minuten später wieder ein.

Dreimal geht das so.

Das mit dem Abstand muss Lou wohl noch üben.

Dann kommt eine Nachricht. Ich will sie nicht lesen, tue es dann aber doch.

Lese wieder und wieder.

„Hi. Wurde heute getestet. Positiv. Ich dachte, das solltest du wissen.“