Prekär ist peinlich

16. August 2020          

Einkaufen ist das neue Reisen. Als  Bremer-Innenstadt-Fan treibe ich mich oft in einem Discounter am Ende der Langenstraße herum. Einem Gespräch zweier Wassermelonen entnehme ich, dass sich die Theorie des Schuppentiers längst überholt habe. Marderhunde seien die neueste Gefahrenquelle. Muss ein Marderhund täglich zwei Mal Gassi geh’n, Frau Klöckner? Erst Fledermäuse, dann Schuppentiere, die ganze Tierwelt gerät in Verruf, ärgere ich mich, meinen Einkaufswagen Richtung Kühlregal bugsierend.

Die „russische Woche“ (Fernreise!) bietet russischen Kefir, hergestellt in Deutschland, aber superlecker, wie ich aus Erfahrung weiß. Im Slalom um einen Masken- und einige Wagenverweigerer geht es weiter zu Käse und Nudeln. Seit Corona packe ich die Wagen voller als sonst, seltener einkaufen ist meine Devise zur Minimierung des Ansteckungsrisikos. Denn für Freischaffende bedeutet Krank-Sein schlicht und ergreifend: Kein Geld! Leider schaltet mein Fahrradkorb bei solchen Überlegungen meist auf stur, Empathie ist nicht sein Ding. So auch diesmal, als ich mit zwei Büdeln und einigen losen Produkten unter der Armbeuge bei 33 Grad an den Fahrradbügeln zwischen Weser Kurier und Parkhaus stehe: Der Korb stellt sich quer, verweigert partout die (Nahrungs-)Aufnahme. Als ich ihm die beiden Kefirs von der Seite unterjubeln will, stößt er sie empört von sich – zwei atemberaubende Salti später klatschen sie auf das Trottoir und starren sauer zu den Gästen des Cafés gegenüber.

Mein Fahrrad wackelt bedrohlich hin und her. Eine Passantin bietet an, es zu halten, während ich, Maske auf, ins Pressehaus laufe, um einen Wischmopp zu holen. Dort versorgt mich eine freundliche, Abstand wahrende Mitarbeiterin mit Papierhandtüchern und einer Tüte für die Kefirbehälter. Ein letzter Rest wird bestimmt bleiben, fürchte ich. „Kein Problem“, erwidert die Frau lächelnd. Sie sei so dankbar. Normalerweise fahren die Leute einfach weiter, wenn so etwas passiert. „Und hier können Sie sich wieder fein machen!“ Sie zeigt mir den Weg zu den Waschräumen, wo mich der Duft bunter Frühlingsblumen empfängt,  ich meine Arme im klaren Wasser eines Gebirgsbachs erfrischen kann.

Gemütlich radle ich zurück. Das Leben ist schön, die Menschen nett – als plötzlich ein gewaltiger Platzregen vom Himmel herniederpladdert! Unter die Markise eines Cafés an der Balgebrückstraße rette ich mich und meinen Einkauf, während Katzen und Marderhunde in mannshohen Pfützen rangeln. Wir werden alle über uns hinauswachsen. Nur mein Moroschenoje wird schmelzen … Dafür ist der Platz vor dem Pressehaus nun wieder tipptopp.