Die Coronarien (Teil 4)

Ich sitze in der Straßenbahn, im Tagesrucksack steckt „Bremen entdecken & erleben: Das Lese-Erlebnis-Mitmachbuch für Kinder und Eltern “. Das hat mir Sabine aufgenötigt. Es wäre der einzige Reiseführer, den sie hätten – aber der sei „auch für Erwachsene ganz toll“. Auch gut, so kann ich wenigstens nachgucken, wo ich nicht hinwill.

Thomas war schon aus dem Haus, die Blagen ebenfalls. Nur Sabine hat „zur Gesellschaft“ noch ein Brötchen mitgefrühstückt und mich dabei mit Tipps versorgt, was ich mir „unbedingt angucken“ sollte. Ich habe versucht, interessiert zu wirken. Vielleicht habe ich als Kulturmensch bei ihr Chancen. Also hinsichtlich meines Bleiberechts.

Dabei interessiert mich Kultur nicht die Bohne. Nicht mehr, die Zeiten sind vorbei – mal abgesehen davon, dass ich mir Museumsbesuche im Moment nicht leisten kann. Vor irgendwelchen alten Schinken stehen und versonnen nicken, als würde tief in mir etwas bewegt oder eine Erkenntnis über mich ausgeschüttet …

Alles Selbsttäuschung.

Oder Konzeptkunst! Das einzige Konzept, was ich darin sehe, ist mit möglichst wenig Arbeit möglichst viel Geld verdienen. Wobei dass eigentlich wieder spannend ist. Danach suche ich ja auch.

Selbst Oper interessiert mich nicht mehr. Inzwischen sehe ich meine Leidenschaft für Puccini als juvenilen Irrtum, der sich leider nicht mehr rückgängig machen lässt. Da fahre ich lieber Straßenbahn. Deshalb habe ich mir auch ein Tagesticket gekauft. Zur Not kann ich bis zum Abendbrot hin und her fahren und Leute beobachten. Das Leben ist sowieso interessanter als die Kunst. Auch wenn ich in der Suppe des Lebens nicht gerade oben schwimme – wenn ich in dieGesichter der anderen sehe, geht’s mir gleich besser. Seit Corona ist es zwar nur noch der halbe Spaß, aber die Augen sind ja das wichtigste.

Die Augen.

Spiegel der Seele.

Manche Spiegel sind ganz schön blind. Oder zersplittert. Oder könnten mal geputzt werden. Vielleicht sind es auch die Seelen, die blind sind. Da bin ich mir nicht sicher.

 Am schönsten ist es jedenfalls früh morgens im Berufsverkehr: Soviel Leere auf engstem Raum. Aber das gönne ich mir selten. Im Bett zu liegen und daran zu denken ist nämlich noch besser.

Jetzt hat die Straßenbahn nicht ganz so viel zu bieten. Längst nicht alle Sitze sind belegt. Man kann sich also aus dem Weg gehen. Schräg gegenüber sitzt ein junger Mann und nickt mit stumpfem Blick zu noch stumpferer Musik vor sich hin, die er zum Ausgleich so laut aufgedreht hat, dass wirklich jeder mit seinen Trommelfellen Mitleid kriegen muss.

„Sie haben Ihre Maske vergessen.“

Eine Frau hat sich vor ihm aufgebaut. Man hört, dass sie den Satz nicht zum ersten Mal sagt. Der Mann nickt weiter, die Frau wiederholt ihren Satz – und während die beiden in ihrer Zeitschleife gefangen sind, überlege ich, ob es eine Verschwörungstheorie gibt, wonach Corona über die Ohren verbreitet wird.

Am anderen Ende sitzt eine junge Frau mit mehr Augenringen als Augen und zwei Rotznasen im Schlepptau. Müssten die nicht in der Kita sein? Aber bei dem vielen Rotz haben sie die wahrscheinlich gleich wieder nach Hause geschickt. Sie wirkt so geschafft, als hätte sich die ganze Welt gegen sie verschworen. Kein Wunder, das Verschwörungstheorien Konjunktur haben.

Vielleicht sollte ich in das Geschäftsfeld einsteigen?

Ich hole Stift und Zettel aus meinem Rucksack und mache mir Notizen. „Bremen entdecken & erleben“ entpuppt sich dabei als ideale Schreibunterlage.