Die Coronarien (Teil 3)

Es ist ja nicht so, dass die Politik nichts für die Kunst tut. Nur sind Politiker eben Politiker. Die treffen auf ihren Empfängen die Thomas Quasthoffs dieser Welt, mit prekären Künstler-Existenzen kennen die sich nicht aus. Wie generell mit allem Prekärem und Randständigem. Politik ist ja der Kampf um die Mitte, selbst in Coronazeiten drängelt sich da alles. Einer wie ich fällt dementsprechend durchs Raster. Vereinfachter Zugang zu Hartz IV hilft wenig, wenn man schon auf Hartz IV ist und sich mit Arien lediglich ein kleines Zubrot verdient (am besten schwarz, also sozusagen ein Schwarzbrot).

Außerdem ist Geld nicht alles, also bei mir ist da mehr weggefallen: Nach den Auftritten habe ich mir in der Regel den Bauch vollgeschlagen. Ich war nicht nur Gelegenheitstrinker, sondern auch Gelegenheitsesser. Mehr noch: Die Kunst, meine Auftraggeber dazu zu bringen, mir von sich aus die Reste ihres Buffets anzubieten, beherrsche ich aus dem ff. Meine Tupperdosen-Sammlung kann sich sehen lassen. Und jetzt? Ohne Aufträge nutzt mir das gar nichts und das schöne Plastik verstaubt ungenutzt in meiner Wohnung.

Meine Wohnung …

Wie die jetzt wohl aussieht?

In die Masche mit dem Internetportal hat mich ein Kollege reingezogen. Rober schlief schon seit Wochen bei uns in Heidelberg auf den Sofas seiner Freunde (bzw. denen seiner Bekannten und Bekannten von Bekannten). In seinem Loft fläzten sich derweil Urlauber im Bett rum. Naja, und als er eines morgens auf meinem Sofa aufwachte und feststellte, dass meine Bleibe sogar Neckarblick hat – wenn man den Hals reckt, sieht man ein Fitzelchen von der rechten Balkonecke aus -, hat er mir einen Deal vorgeschlagen.

Eine Woche später habe ich meinen Koffer gepackt, ihm den Schlüssel in die Hand gedrückt und das Weite gesucht. Für zwei couchsurfende Künstler ist unser örtlicher Bekanntenkreis zu klein, und da er schon im Geschäft drinsteckte … Ich muss ihm für Gästebetreuung und Desinfizieren zwar die Hälfte abgeben, aber so kann ich wenigstens meine Miete zahlen. Oder besser gesagt: zahlen lassen. Auch wenn ich nicht weiß, was ich davon habe.

Wohnungslos bin ich ja trotzdem.

Thomas und Sabine erzähle ich den Teil natürlich nicht. Auch bei der dritten Flasche Wein habe ich mich so weit unter Kontrolle, dass ich stattdessen von „Sehnsucht nach den alten Zeiten“ und „unserer“ Jugend rede. Ich muss nur aufpassen, dass ich nicht übertreibe. Als ich Sabine erzähle, wie Thomas beim Lateintest mal so vertieft in seine Spickzettel war und der Greifhardt ihm geschlagene 5 Minuten dabei über die Schulter geschaut hat … und mich dabei vor Lachen fast verschlucke, hat der Abend seinen Höhepunkt erreicht. Zum Glück haben sie ein Gästezimmer. Seitdem ich bei Ingo in Salzgitter auf dem Wohnzimmersofa schlafen musste und morgens von seinen Ablegern geweckt wurde, achte ich darauf. Manche Leute zeigen ja alles bei Facebook.

Als es ruhig wird im Haus, mache ich noch einen Abstecher am Kühlschrank vorbei. Alte Gewohnheiten legt man nicht so schnell ab, auch wenn sie sich aufenthaltsverkürzend auswirken können. Der Inhalt kann sich sehenlassen. Ein Stück Greyerzer kauend überlege ich, ob ich zu den 50 Millionen Binnenflüchtlingen zähle, die es weltweit gibt. Wahrscheinlich nicht, aber in diesem Augenblick fühle ich mich ihnen verbunden. Den Käse würde ich jedenfalls gern mit ihnen teilen. Obwohl es nicht meiner ist. Oder gerade deshalb.

So lasse ich ein Stückchen fürs Frühstück übrig. Danach will ich mir die Stadt anschauen.

Hoffentlich ohne Rollkoffer.