Zimmer 63 (Teil 5) – Der Lichtblick

Sie kam nach einer erneut durchwachten Nacht. Ich lag da, wie immer in meinem Hemd und diesem Plastikhöschen, das sie einem im Krankenhaus anziehen. Dass ich ungekämmt und so leicht bekleidet hier liege und mich maximal zwischen meinem Bett und der Toilette hin- und her bewege, daran habe ich mich in diesem Zimmer gewöhnt. Man könnte ja meinen, dass angesichts der eigenen Erblindung der optische Eindruck, den man selber auf Andere macht, auch keine große Rolle mehr spielen würde. Aber so ist es nicht.

Sie kam und fragte mich: wie geht es Ihnen? Die gleichen Worte wie die des Oberarztes neulich, aber in einem ganz anderen Ton.

Herr X hatte die ganze Nacht geschrien. Also antwortete ich ehrlich: „Mir geht es nicht gut. Das ist wie Folter, wenn man nachts schlafen will und immer wieder einnickt und dann aufgeschreckt wird durch lautes Geschrei.“

Mein Gegenüber war eine junge Ärztin. Ich hörte, dass sie sich Zeit nahm, ich merkte, dass sie mir zuhörte.

„Was kann ich für Sie tun?“, fragte sie mich.

„Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben“, antwortete ich.

„Ich sorge dafür, dass Sie verlegt werden“, sagte sie.

Natürlich sprach sie noch etwas mehr als das und ich auch. Sie sagte etwas zu Isolation und Corona und schwierigen Zeiten. Aber was mich interessierte, war das Zimmer.

Seitdem sie hier war, sind nun einige Stunden vergangen. Ich habe zweimal Essen bekommen. Kurz vor dem Abendbrot verließ mich kurz die Hoffnung. Dann brachte man mir das Telefon. Es war die Ärztin. Sie fragte, wie es mir gehe, sie wiederholte, dass sie alles tun werde, damit ich ein anderes Zimmer bekäme. Kurz darauf brachte man mir erneut das Telefon. Es war Maria. Die Ärztin hatte auch mit ihr gesprochen und ihr bestätigt, dass sie sich um ein neues Zimmer für mich kümmere. Wir gaben uns Hoffnung.

Nun wird es langsam dunkel. Ich liege hier und warte auf einen Lichtblick.