Zimmer 63 (Teil 4) – Die Tabletten

Ich bin die Alte, die ihre Schläuche abreißt. Die behauptet, sie könne nicht sehen und nicht gehen, die maßlos übertreibt. Die sich viel zu sehr aufregt. Die ihre Medikamente ausspuckt.

Dabei war es so: Der Pfleger brachte mir meine Medikamente, vier Tabletten, und er wollte, dass ich sie alle auf einmal schlucke, jedenfalls steckte er mir alle zusammen in den Mund. Ich spuckte sie wieder aus, sagte: „Ich nehme sie lieber einzeln.“

Er sagte im Befehlston: „Schlucken!“

Ich schluckte, viermal. Dann spürte ich, dass seine Handschuhfinger meine Lippen berührten und meine Zahnreihe entlangfuhren. Erst war ich irritiert, wie versteinert. Bis ich verstand. Er suchte in meinem Mund nach den Tabletten. Er schaute nach, ob ich sie irgendwo in einer Backentasche aufbewahrte, nur um sie gleich wieder auszuspucken.

Auf was für Ideen man kommen kann! Offenbar müssen Patienten vor mir das schon so probiert haben. Trotzdem. Ist das ein Grund, keine ganzen Sätze mehr mit mir zu sprechen, mich zu behandeln, als sei ich geistig irgendwie weggetreten, nicht mehr ganz dicht im Kopf?

Seit der Pfleger mir im Mund herumgefahren ist, fühle ich mich schwach, wie verwundet. Für Widerstand bin ich zu müde. Der Schlafmangel raubt mir jede Kraft. Ich wünsche mir ein Gespräch, das von Herzen kommt, ein paar aufbauende Worte.

Aber seit dem Vorfall sind die Pfleger noch eisiger zu mir als zuvor. Mit jedem Satz, der hier gesprochen wird, werde ich in meine Schranken gewiesen. Eine zu mündige Patientin bereitet Probleme im Arbeitsablauf. Ich frage mich ernsthaft: War es früher schlimmer oder war es besser?

Nur zur Erinnerung, ich liege in einem großen Bremer Krankenhaus. Wir schreiben das Jahr 2020.