Zimmer 63 (Teil 3) – Das Telefon

Seit der Oberarzt in meinem Zimmer war, weiß ich, dass Herr X und ich auf der Schlaganfallstation liegen. Eine Station voller Schlaganfallpatienten, was für eine bedrückende Vorstellung. Offenbar können die wenigsten von ihnen telefonieren, jedenfalls gibt es hier keine Telefone an den Betten. Ich kann also niemanden anrufen und wenn mich jemand anrufen möchte, dann muss derjenige erst auf Station anrufen und bitten, dass man mir das Telefon reicht. Mein einziger Kontakt nach außen basiert also auf dem Wohlwollen der Pfleger.

Am ersten Tag bekam ich mehrfach den Hörer in die Hand gedrückt. Irgendwann klangen die Stimmen der Pfleger genervt, als ich sie auf dem Flur rufen hörte: „Einmal das Telefon für die 63!“ Mittlerweile bekomme ich das Telefon immer seltener. Die Pfleger scheinen geradezu verärgert, wenn sie mir das Telefon geben.

„Frau Bexe, Sie bekommen zu viele Anrufe. Das ist schlecht für Ihren Blutdruck. Sie regen sich zu sehr auf“, sagte gestern Nachmittag die Schwester zu mir. 

„Ich habe nun mal einen Mann und drei Kinder, was soll ich denn tun?“, antwortete ich.

Es ist doch nur das Telefon, werden Sie jetzt vielleicht denken, man kann doch mal ein paar Tage auf das Telefon verzichten. Ja, das denken Sie vielleicht. Aber ich möchte Ihnen sagen, dass ich das nicht einfach so kann.

Ich bin geh- und sehbehindert. Ich kann mich nicht mehr selbstständig vom Fleck bewegen, und ich kann seit einigen Jahren weder lesen noch schreiben oder die Mimik meines Gegenübers erkennen. Das Telefon ist das einzige Kommunikationsmittel, bei dem ich noch mithalten kann, ein Medium, für das mir nichts fehlt. Zuhause sitze ich manchmal stundenlang auf dem Sofa. Die einzigen Dinge, die ich eigenhändig von dort bedienen kann, sind das Radio und das Telefon.

Ich weiß nicht, wie lange man mich noch auf der Schlaganfallstation behalten möchte, noch weniger, wie lange ich noch in Zimmer 63 mit Herrn X ausharren muss. Ich kann ertragen und auch verstehen, dass wir keinen Besuch empfangen dürfen. Wenn ich mich hier mit Corona infiziere, komme ich hier nie wieder raus. Aber irgendeine Zerstreuung muss es doch auch für mich geben. Ich gehe sonst ein. Wie wäre es denn zum Beispiel mit Musik?

Aber sicher ist auch das schlecht für den Blutdruck.

Mittlerweile stellen sie nur noch Maria zu mir durch, denn das müssen sie wohl. Maria fragt dann: „Hat Albert dich erreicht? Hat Hanne dich erreicht? Karla wollte es auch versuchen!“

Ach meine liebe, liebe Karla, sie soll ihre Zeit nicht damit zubringen, in diesem Krankenhaus anzurufen, sich durch die Willkür dieser Telefonapparate zu arbeiten. Manchmal überkommt mich ein leichtes Unbehagen. Die können mit uns machen, was sie wollen. Es gibt keine Kontrolle von außen.