Pusteblume Freefall (Teil 5)

Ich laufe seit Tagen im Kreis, drehe Runde um Runde im Gedankenkarussell, will beim Joggen vor mir selbst davonlaufen, ziehe im Bürgerpark Slalom-Ellipsen. Die Welt hat Corona. Ich habe Kopf-Kreiseln.

Ich sollte es beichten, die Sache mit Lou. Damit Till es weiß. Und sich positionieren kann. Dabei hab ich mich selbst noch nicht positioniert. Einmalige Sache, dachte ich. Jedes Mal.

Die Welt hat Corona und ich suche meinen Platz in der neuen Realität, renne und renne und komme nicht an. Das Home Office nervt, Till nervt, Corona nervt. Seit einer Ewigkeit will ich mich bei Oma melden und kriege es nicht auf die Reihe. Jeden Tag nehme ich es mir vor.

Oma anrufen. Till sagen, was Sache ist. Dann ist der Tag plötzlich zu Ende, ich hatte tausend Dinge zu tun und habe trotzdem nichts geschafft. Abends liege ich vor dem Fernseher und frage mich, womit ich die vielen Stunden gefüllt habe. Mein Gewissen klopft an, weil mein Balanceakt zwischen Muße und Müssen trotzdem keinen Raum zulässt. Ich belüge Till. Na ja, ich schweige. Was in diesem Kontext das Gleiche ist. Passiv-Lügen. Ich schaffe einen simplen Anruf nicht. Und wenn ich es irgendwann doch tun werde, das Telefon nehmen und auf Kurzwahl drücken, wenn ich dann Omas Stimme höre, dann werde ich nicht wissen, was ich sagen soll und gleichzeitig nur von mir reden.

Noch eine Runde. Und noch eine. Freundin des Jahres, Enkelin des Jahres. Die Titel gehen eindeutig nicht an mich.  

Corona-Chaos-Queen. In der Kategorie bin ich ganz groß. Trommelwirbel. And the winner is: Karla! Pusteblumen am Wegrand winken mir zu, ich reiße die Samen im Vorbeirennen mit. Danke Leute, vielen, vielen Dank!

Das Telefon summt. Textnachricht von Till. „Es gibt eine Überraschung!“

Die Blumensamen tanzen dem Horizont entgegen. Ich schaue ihnen nach und bin neidisch.

Die Wohnung riecht verbrannt. Ich renne in die Küche, reiße die Ofentür auf und huste den Qualm weg. Staunend betrachte ich, was da auf dem Backblech steht. Russischer Zupfkuchen, die Backmischung, die ich so gerne mag, mit völlig intakter, goldbrauner Kruste. Und Baumwollmasken mit Bambusblättern, ehemals knallkackegrün. Die Ränder sind verschmort, der Stoff ist voller Brandblasen.

Till kommt in die Küche, Kopfhörer in den Ohren. Wir schauen erst einander an, dann seine neuste Back-Kreation. Till macht ein Gesicht wie ein Eichhörnchen mit Hexenschuss.

„Ich wollte sie reinigen“, sagt er langsam. „Ich dachte, ich backe sowieso und sie sagen doch immer, man soll sie erhitzen, also, die Masken.“

„Aber“, sage ich langsam, „doch nicht bei 180 Grad.“

Till blinzelt. „Ich dachte, ich spare das Waschpulver. Und den Strom. Wegen dem Klima.“ 

Ich betrachte meinen Langzeit-Freund und Quasi-Ehemann, der Zeit sparen und klimaneutral sein und mit mir Kinder bekommen will, am liebsten alles gleichzeitig.

Das Lachen blubbert in mir hoch. Es ist besser als Weinen, Aufschieben, Unentschlossen sein.

Ich umarme Till ganz, ganz fest.

„Meinst du, man kann den Kuchen noch essen?“, fragt er.

Ich wische mir heimlich die Tränen ab und drücke das Gesicht an seinen Hals. „Nein. Kann man nicht.“