Pusteblume Freefall (Teil 4)

Der Abspann läuft. Lou dreht den Ton leiser und lehnt sich auf dem Bett zurück. „Und?“, fragt er.

„Na ja.“ Ich muss grinsen.  

Filmabend. Back to the roots. Kino ist uns nicht geheuer, nicht im Moment. Die meisten Filme kommen ja ohnehin gleich als Stream heraus.

Die letzten hundert Minuten waren unterhaltsam. Das muss man dem Streifen lassen. Schauplatz Yucatán, ein alter Maya-Tempel. Vier schicke Mädels in knapper Tauchkleidung verirren sich in einem Unterwasser-Labyrinth. Dort treiben Weiße Haie ihr Unwesen. Viel Haut, viel Blut, wenig Sinn.

Es ist seltsam. Immer, wenn ich jetzt alte Filme sehe – zehn Monate oder noch älter – wundere ich mich über fehlenden Abstand. Vor allem die Haie setzten sich ständig darüber hinweg. Haie kriegen angeblich keinen Krebs. Vielleicht sind sie generell immun. Tröpfcheninfektionen machen ihnen sicher wenig aus. Ich teile Lou meine Theorie mit. Er lacht und nennt mich bescheuert. Ich sage, der Film war bescheuert. Aber eine tolle Kulisse.   

„Mexico.“ Lou seufzt.

Ich weiß genau, was er meint.

Er setzt sich auf, strahlt mich an. „Lass uns das machen. Gleich, wenn es wieder geht.“

Ich nicke. „Kommt auf die Liste.“

„Welche Liste?“

„Die Zeit-nach-Corona-Liste. Hast du sowas nicht?“

Lou schüttelt den Kopf. „Was steht drauf?“

Ich lehne mich zurück und blicke zum Deckenventilator hinauf. Segelfliegen. Paragliden. Einen Tauchschein machen. Thailand, noch einmal. Angkor Wat. Okinawa. Rio.

Und Mexico. Seit gerade eben.

Die Liste wird jeden Tag länger. Alles ist so erreichbar. Jetzt, wo es unmöglich ist. 

Auf Tills Liste stehen Kinder. Bis es einen Impfstoff gibt, haben wir Zeit für mindestens eins, vielleicht auch für drei, je nachdem, welchen Virologen man fragt. Dann war´s das mit Mexico, so oder so.

Und Oma liegt immer noch auf der Station, unbesuchbar, unerreichbar. Isoliert, zu ihrem eigenen Schutz. Wenn das so weitergeht, kann ich ihr ihre ein bis drei Enkelchen nicht einmal zeigen.

„Shit.“ Ich fange an zu heulen, bin selbst überrascht und auch wieder nicht.   

Lou nimmt mich in den Arm. Ich muss ihm nichts erklären. Musste ich nie.

„Shit“, sage ich noch einmal.

Lous Lippen schmecken nach Sesam. Bilde ich mir jedenfalls ein.