Pusteblume Freefall (Teil 3)

„Jetzt haben sie schon wieder eine Schule dicht gemacht.“ Leah klingt müde und sieht auch so aus. „Drüben in Niedersachsen. Die Einschläge kommen näher.“

„Stimmt“, sage ich.

„Uns erwischt es auch noch.“

„Hoffentlich nicht.“ Nicht hilfreich. Merke ich selber.

Leah sucht den Spielplatz mit den Augen ab. Paul sitzt auf der Schaukel, Alina hockt in der Sandkiste und backt mit Abstand die besten Muschelkuchen der Welt.

„Ich weiß nicht, wie ich das schaffen soll.“ Leah seufzt. „Bei jedem kleinen Schniefer  gucken die einen in der Kita schief an. Die müssen sich absichern, klar, das verstehe ich. Aber es wird Herbst, da sind die Kids doch ständig krank.“

Ich nicke, obwohl ich das nur vom Hörensagen weiß und bisher noch nie darüber nachgedacht habe.

„Wenn die noch mal alles dicht machen, dann weiß ich wirklich nicht…“ Leah beendet den Satz nicht. Muss sie auch nicht. Ich erinnere mich gut.

Leah und ihr Mann sind in der IT und seit dem Lockdown im Home Office. Alle beide. Sie fragten nach Kita-Notbetreuung. Keine Chance. Weil: Home Office. Alle beide system-irrelevant. Wie man allerdings eine Programmzeile schreibt, mit schreiendem Kleinkind auf dem Schoß und nörgelndem nicht-mehr-ganz-so-kleinem Kind im Nebenzimmer, das konnte ihnen niemand erklären.

Sie versteht es ja, betont Leah. Und die in der Kita hätten es auch verstanden, die hätten das ja auch nicht entschieden, das kam alles von weiter oben. Wenn die in der Kita  könnten, wie sie wollten, dann wäre Schniefnase eben Schniefnase und Husten wäre eben Husten. Jetzt ist Husten – meistens – immer noch Husten, nur muss man sich das attestieren lassen. Mund auf, Kopf zurück, Stäbchen rein bis zum Anschlag. Alina musste zweimal da durch, Paul einmal. Alina hat geheult. Paul beinahe auch.

Man kann ja nichts machen, meint Leah. Es ist eben, wie es ist. Aber trotzdem. „Entschuldige“, sagt sie jetzt. „Ich bin einfach so erschöpft, weiß du?“

Jetzt auch noch ein schlechtes Gewissen. Typisch Leah. Typisch Mama? Ist das so, wenn Menschen Eltern werden? Gibt es Verständnis für alles und jeden und ständiges schlechtes Gewissen gratis dazu?

Ich denke an Oma und mein Magen zieht sich zusammen. Gewissen, vor allem das schlechte, funktioniert in alle Richtungen.

„Sorry, ich jammere die ganze Zeit.“ Leah streicht sich die Haare zurück. „Wie ist es denn eigentlich bei euch?“

Da ist er. Mal wieder. Der stumme Halbsatz, der vollständig ausgesprochen lautet: Wie ist es denn bei euch so mit Kindern?

„Alles soweit gut“, behaupte ich.

Alina kommt heulend auf uns zu gerannt, unter ihrer Nase hängt eine Mischung aus Sand und Rotz. Dazu Leahs Augenringe und drohende, sich wellenförmig ausbreitende Schul- und Kita-Schließungen.

Das reinste Werbebanner. Gar keine Frage.