Die Coronarien (Teil 2)

,,Dio, che nell’alma infondere …“

Das war mein Traum. Es hätte ja nicht unbedingt die Mailänder Scala sein müssen, ein ganz normales Drei-Sparten-Haus hätte mir gereicht, von mir aus sogar in der Provinz. Aber ich habe nicht mal die Aufnahmeprüfung fürs Musikstudium geschafft.

,,Un di, quando le veneri …“

Meine Eltern haben mir dann Jura aufgeschwatzt. Das lief auch ganz gut, stumpfsinnig Sachen auswendig lernen konnte ich schon immer. Und mit dem Hiwi-Job an der Uni habe ich mir Privatstunden verdient, mein ganzes Geld habe ich diesem abgehalfterten Opern-Gigolo von Nicolo in den Arsch geschoben (ich glaube, sein echter Name war Norbert) und meine ganze Zeit, die mir die unmotivierten Studis bei den Staatsrechts-Seminar-Nachbereitungen übrigließen, dem Gesang gewidmet – nur um im zweiten, dritten und vierten Anlauf wieder zu scheitern.

,,Quando mi sei vicina …“

Darauf habe ich mich so reingesteigert, dass ich mein Jura-Examen versemmelt habe und in dem Bereich nur noch als Aktenträger meine Brötchen hätte verdienen können. Da habe ich die Entscheidung getroffen: Wenn ich eh kein Geld verdiene, dann wenigstens mit meiner Leidenschaft. Zur Not eben vor gut betuchten Banausen auf ihren Angeberfesten. Auch in normalen Zeiten kein einträglicher Job, die echten Millionäre engagieren leider echte Opernsänger. Ich musste drei Stufen drunter operieren. Beim 50. Geburtstag des Autohausbesitzers, der silbernen Hochzeit des Sparkassen-Filial-Leiters, sogar den Kindergeburtstag einer ehrgeizigen Arztfamilie habe ich bereichert (und er mich) …

… und dann kam Corona.

„La fatal pietra sovra me si chiuse ….“

Was soll ich sagen: Viren-Eindämmung und Arien vertragen sich nicht.

Eine ähnliche (etwas geschönte) Kurzfassung meines Lebens gebe ich auch Thomas und seiner Frau, nachdem sie die Kinder trotz Quengelorgie erfolgreich ins Bett verfrachtet haben. Dabei versinke ich fast in ihrem Ecksofa, ob vor Scham oder wegen der Geschmacksverirrung meiner Gastgeber ist mir dabei schnuppe. Immerhin ist der Rotwein passabel und die Chips nicht von Aldi.

Meine Gastgeber haben den Abstandsregeln sei Dank in Sesseln Platz genommen und nippen an ihren Gläsern. Sie sind noch bei ihrem ersten. Glaube ich. Ich bin bei meinem … keine Ahnung. Thomas findet das alles wahnsinnig „spannend“ und „interessant“, was mich überhaupt nicht wundert. Er war schon in der Schule ein Schleimer. Eigentlich merkwürdig, dass er es nicht weiter gebracht hat. Sabine, die genauso langweilig ist wie ihr Name, nickt zu all dem und fragt mich natürlich die unvermeidliche Frage.

„Ich weiß nicht, ich würde ja gerne“, antworte ich und wiege zweifelnd mein Haupt, „aber die Aerosole …“

„Oh, du hast recht“, wiegelt Thomas ab. „Wir wollen nicht der nächste Hot-Spot werden.“

Er scheint über meine Zweifel nicht unglücklich zu sein. Zumindest in dieser Hinsicht ist er mir sympathisch. Für einen kurzen Moment freue ich mich, dass ich Sänger bin. Als Cellist hätte ich mir auf meiner „Tour“ wahrscheinlich Abend für Abend die Finger wund spielen müssen. So brauche ich das „nein“ noch nicht einmal aussprechen und kann dabei noch den Verantwortungsbewussten mimen. Aber mein Anfall von guter Laune verfliegt so schnell, wie er gekommen ist. Ein Cellist kann auch mit Maske seine Brötchen verdienen.

Ein Cellist wäre nicht da, wo ich bin.