Die Coronarien (Teil 1)

„Hallo Krause! Das ist ja schön!“Der Mann in der Tür erinnert mich an einen Politiker, ich weiß nur nicht, an welchen. Meiner spontanen Abneigung nach zu urteilen wahrscheinlich FDP. Er strahlt über das ganze Gesicht und breitet die Arme aus, als wollte er mich packen, an sich ziehen und umarmen. Unwillkürlich weiche ich einen Schritt zurück. Abrupt hält er inne und reißt die Hände entschuldigend nach oben.

„Natürlich, Corona – vergesse ich immer wieder.“

Wahrscheinlich steht mir die Panik ins Gesicht geschrieben. Nicht wegen Angst vor Ansteckung oder so, da bin ich nicht so empfindlich. Ich finde nur den Gedanken, von Thomas umarmt zu werden, an sich ziemlich gruselig. Zu Schulzeiten haben wir schließlich auch nur im Vorbeigehen müde die Hand gehoben. Wenn überhaupt. Und seitdem sind wir uns nicht näher gekommen, im Gegenteil.

„Hallo … ja … äh …“, stottere ich, und nach ein paar hampeligen Ich-weiß-ja–auch nicht-was-wir-jetzt-so-machen-sollen-Gesten reiben wir unbeholfen unsere Ellenbogen aneinander.

„Nach so langer Zeit!“, schwadroniert Thomas los. „Das war vielleicht eine Überraschung. Damit habe ich überhaupt nicht gerechnet. Wie bist du überhaupt an meine Adresse gekommen? Na, ist ja egal, komm erst mal rein.“

„Soll ich die Schuhe …“

In letzter Zeit lasse ich die Sätze öfter unvollendet in der Luft hängen. Meinem Selbstbewusstsein hat dieses Virus jedenfalls nicht gut getan.

„Ja, ist vielleicht besser.“ Er kneift den Mund zusammen und wackelt mit dem Kopf. Das soll wahrscheinlich heißen, dass er persönlich die Sache nicht so eng sieht, aber seine Frau oder wer auch immer anderer Meinung ist: „Die Kinder bringen schon genug Dreck rein.“

Kinder – ich habe geahnt, dass sich die auf Dauer bei meiner „Tour“ nicht vermeiden ließen. Thomas hat gleich drei davon, steht zumindest in seinem Facebook-Account. Und warum sollte er da schummeln? Um mit seiner Potenz anzugeben? Dann hätte er dreihundert gepostet – wenn schon, denn schon. Na ja, ich bin selbst schuld. Schließlich stehe ich vor seiner Tür. Aber die ohne Nachwuchs habe ich bereits hinter mir.

„Tja, Kinder sind eben Kinder“, entgegne ich, nicke wissend – obwohl ich nicht mehr über Kinder weiß, als dass sie eben welche sind und ich sie nicht ausstehen kann – streife demütig meine Treter ab und ziehe meinen Rollkoffer hinter mir her. Über eine Schwelle, die man kaum sieht, und die eigentlich auch nur eine ganz normale Türschwelle zu einem ganz normalen Einfamilienhaus in dieser ganz normalen Einfamilienhaussiedlung ist, die hier Borgfeld heißt, so wie sie woanders eben Wellingsbüttel oder Schmargendorf oder Klettenberg heißt.

Aber ich frage mich schon, wie ich so tief gesunken bin, um genau diese Schwelle zu übertreten.