Zimmer 63 (Teil 2) – Herr X

Ich habe nicht geschlafen. Mein Zimmernachbar, von dem ich immer noch nicht weiß, wie er heißt, ich nenne ihn Herrn X, hat die ganze Nacht geschrien. Woran ich mich gestern tagsüber fast schon gewöhnt hatte, war in der Nacht nicht zu ertragen. Ich drückte auf den Knopf und sagte zur Nachtschwester: „Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben. Ich kann hier kein Auge zumachen. Immer wenn ich kurz wegdämmere, fängt er wieder an zu schreien und ich schrecke zusammen. Das tut einem ja auch leid.“ 

Sie sagte, in der Nacht könnten keine Zimmerwechsel stattfinden. 

Wo das Licht hereinfällt, kann ich das Bett von Herrn X nicht mehr ausmachen, dafür steht da jetzt etwas Hohes, Durchlöchertes, es muss eine Art Spanische Wand sein. Die Geräusche sind dieselben. Ich bin furchtbar müde. 

Der Oberarzt besucht uns: „Guten Morgen. Ich hoffe, es geht Ihnen gut.“

Ich sage: „Mir geht es nicht gut. Ich habe überhaupt nicht geschlafen. Ich möchte gerne ein anderes Zimmer haben, sonst muss ich nach Hause. Ich kann hier nicht überleben, also wenn ich nachts keine Ruhe kriege.“ 

Meine Stimme bebt. Ich warte auf seine Antwort. Das ist hart, wenn man sein Gegenüber nicht erkennen kann. Der Oberarzt sagt eine Weile nichts und bittet mich schließlich, mit dem rechten Zeigefinger auf meine Nasenspitze zu tippen, dann mit dem linken. Mehrere Male. Ich soll den rechten Arm heben, dann den linken. Ich scheine zu bestehen. Keine Ausfälle. „Was ist mit meinem Zimmer?“, frage ich. Er sagt: „Da besteht kaum Möglichkeit. Wir sind überbelegt.“

Ich höre, dass er hinter die Wand zu Herrn X geht. Der Oberarzt fragt: „Haben Sie Schmerzen?“ Das fragen sie ihn immer. Aber Herr X reagiert nicht. Herr X stöhnt weiter, vielleicht mit etwas längeren Pausen. Der Oberarzt spricht formell, von großen und kleinen Schlaganfällen. Vielleicht hat er es noch nicht begriffen, denke ich. Mit Herrn X kann man sich nicht unterhalten.

Ich versuche sie mir vorzustellen, den Oberarzt am Bett von Herrn X. Groß und etwas zu dünn geraten steht der Arzt da und schaut auf Herrn X, dessen Gesicht vor Schmerzen verzerrt ist, dem niemand mehr helfen kann. Wie alt mag Herr X wohl sein? „Herr X, wie alt sind Sie? Wissen Sie, dass Sie im Krankenhaus liegen? Wer hat Sie hierher gebracht?“, würde ich ihn gerne fragen. Ob er Familie hat, auch. Besuch kriegt er keinen, so wie ich auch nicht, denn das ist verboten. Angeblich gibt es Krankenhäuser, die es noch erlauben, trotz Corona. Aber auf dieser Station sind alle allein.