Quiet Earth (Teil 1)

Er sitzt im InterCity zwischen Münster und Dortmund. Normalerweise versucht er, ausschließlich Regionalzüge zu nutzen. Der Umstieg wurde nötig aufgrund eines Zugausfalls. Ein Zeichen von Normalität.

Der Sitzplatz neben ihm ist natürlich frei. Und wird frei bleiben. Zeichen einer neuen Normalität. Im Waggon ist es still, der Zug gleitet dahin, die Menschen, die man sieht, atmen brav hinter ihren Masken.

Auch er atmet brav hinter einer Maske. Zumindest dem Anschein nach. Zumindest beim Einatmen. Er hört seinem Ausatmen zu und das sanfte, regelmäßige Rauschen beruhigt ihn. 

Der Verkehr hat nie geruht und wird nie ruhen, trotz Stillstand und leerem Himmel rollten Züge, fuhren Busse, Autos und Fahrräder. Unvermeidbare Bewegungen wie die Versorgung im Supermarkt. Doch so langsam kommt auch alles andere wieder in Gang. Darum ist er unterwegs.

Die Stille beginnt rissig zu werden. Im Waggon fängt ein Kind an zu schreien. Die Bahnhöfe sind brüllend laut. Auf den Straßen wird gegrölt. 

Er setzt sich Kopfhörer ein, die Musik überdeckt das schreiende Kind, aber auch das Rauschen seines Ausatmens. Er schließt die Augen und geht seinen Reiseplan durch. 

Dortmund, Essen, Duisburg. Waggonwechsel über das Gleis, in den selben Zug wieder einsteigen. Aufenthalt in Duisburg nutzen für die Geschäfte im Bahnhof. Bäckereien, Imbisse, Mini-Supermärkte und Zeitschriftenläden. Regionalzüge über Düsseldorf nach Köln. Wie gern wäre er auch über die Kö gegangen, aber das lässt der Zeitplan nicht zu. Dann Köln, Domplatte, Dom. 6 Millionen Besucher jährlich (präcorona). Vielleicht halten sich im kühlen Dom die Aerosole länger? Dann vom Heumarkt zum Neumarkt. Zu Fuß zurück durch die Schildergasse. Eine Rheinschifffahrt, bevor es ins Hotel geht. 

‚Und dann lasst uns feiern‘, denkt er.