Zimmer 63 (Teil 1)

Ich habe ein Zimmer, ich kann es nicht sehen. Ich weiß, das Zimmer hat ein Fenster. Wo das Licht hereinfällt, erscheinen mir die Dinge ein klein wenig deutlicher. Die vagen Konturen eines Bettes. Ein Mann, den ich nicht sehe, aber höre. Nachts schreit er, tagsüber stöhnt er. Ein nicht endender Zyklus, manchmal kommt es mir so vor, als würde ich das schon mein ganzes Leben ertragen, die Schreie im Dunkeln, kurz und schrill, das Stöhnen vor Schmerz am Tag. Dabei bin ich, wenn ich mich richtig erinnere, erst zwei Tage und eine Nacht hier.

Von der dunklen Seite des Zimmers kommen die Stimmen, die Stimmen der Menschen, die uns pflegen. So nennt man sie heute, Pfleger. Sie betreten das Zimmer, ohne Begrüßung, knallen ein Tablett mit Essen auf meinen Krankentisch. Ich taste nach dem Tablett, das zu weit weg von mir steht. Die Schläuche hindern mich daran, mich nach vorn zu beugen. Ich muss den Tisch in meine Richtung ziehen, dass man das kann, weiß ich seit gestern. Es hat mir niemand gezeigt. Es hat mir auch niemand „Guten Appetit“ gewünscht. Dass ich mir selber kein Brot mehr schmieren kann, hat niemanden interessiert. Ich habe alle Bestandteile des gestrigen Abendbrots einzeln gegessen. Brot einzeln, Butter einzeln, Käse einzeln. Es war mir egal, so hungrig war ich, nachdem ich den ganzen Tag ohne Essen und Trinken in der Aufnahme lag. 

Niemand spricht hier mit einem, das ist das Schlimmste.

Es muss gegen Mittag gewesen sein, dass ich eingeliefert wurde. Maria und Albert wollten, dass wir den Notarzt rufen. Ich hatte keine Empfindung mehr im Mund. Sie kamen und machten die üblichen Tests, alles in Ordnung, aber in meinem Alter, mit meiner Vorgeschichte, nehmen sie dich natürlich zur Kontrolle mit. Verdacht auf Schlaganfall, so hieß es. Irgendwer erzählte mir, die Krankenhäuser bräuchten Patienten, am besten privatversicherte. Sie brachten mich nach Bremen. 

Da lag ich und wartete und wartete und zwischendurch schob man mich in dieses MRT, aber ohne mir das vorher zu sagen oder gar zu erklären. Man fummelte mir im Mund und in der Nase herum, das war wohl der Corona-Test. Irgendwann gegen Abend, als es schon dunkel war, fragte ich nach einer Tasse Tee. Ich hatte den ganzen Tag nichts zu trinken bekommen. Die Antwort lautete „Wasser.“. Nicht etwa „Sie kriegen Wasser“. Einfach nur „Wasser“.  Ich dachte, alles wird besser, wenn ich auf Station bin. Das Tablett, nach dem ich greife, ist kühl, der Teller eiskalt. Ich greife in eine Art feuchten Schwamm, das muss das Brot sein. Ich nehme es in beide Hände, führe es mir zum Mund und beiße hinein. Mein Zimmernachbar stöhnt. Ich habe Angst vor der Nacht