Reisen in Coronazeiten

16. Mai 2020       

Schon die zweite Nacht wandle ich durch die Gänge des Hotels. Vorbei an geschlossenen Boutiquen, in deren Schaufenstern elegante Kleidung präsentiert wird. Passend zum mondänen Stil des Hotels, einem langgezogenen Riegel mit Art-Deco-Details. Einstöckige Gebäude wie dieses findet man selten bis gar nicht in der Münchner Innenstadt. Ich wundere mich, blicke durch die Scheiben in den Saum eines Mischwaldes: vielleicht ein Park, vielleicht der Englische Garten. Dann entscheide ich mich für zwei Jackie-Kennedy-Kostüme, die ich morgen, ohne mit der Wimper zu zucken, mit meiner Kreditkarte bezahlen werde.

Ich trete hinaus ins Freie. Tauche in meinen Corona-Morgen ein. In einen weiteren Corona-Morgen. Vorgestern habe ich das zweite Zugticket in meine Heimat storniert. Seit der ersten Stornierung im März treibe ich mich mit einer erträumten Kreditkarte in einem nichtexistenten Hotel herum. Gehe im Schlaf auf Reisen. War schon in einem Amphi-Theater in Italien, dort allerdings für einen Auftritt als Opernsängerin. Vor lauter Aufregung – ich hatte nicht geprobt, auch noch nie eine Arie gesungen – habe ich meinen Koffer mit dem Bühnenkostüm zu Hause in Bremen vergessen. Beim Aufwachen fiel mir ein, dass kulturelle Veranstaltungen momentan ja gar nicht stattfinden. Dass ich noch Zeit habe fürs Proben und für ein Amphitheater-Hygienekonzept, das sich gewaschen hat.