Pusteblume Freefall (Teil 2)

Die Wohnung riecht nach Bohnenkraut. Grüne Schnipsel liegen im Spülbecken, daneben stapeln sich Schüsseln mit gelben Klebresten und Eierschalen. Im Weinglas von gestern treibt eine Fruchtfliege. 

Till kommt in die Küche, die Aladdinhose rutscht ihm halb über den Hintern. Er war heute Vormittag auf dem Markt. Das macht er oft, neuerdings. Home-Office spart Zeit. Die Spülmaschine ist voll. Zwei Leute, 24 / 7 daheim, gestapelte Kaffeetassen, die Maschine läuft manchmal zweimal am Tag. Zum Anschalten war keine Zeit. Macht aber nichts. Besuch kommt ja keiner.

„Hunger?“ Till gibt mir einen Kuss in den Nacken.

„Hm-hm.“ Ich denke an Lou und an Sesam-Eis.

„T minus zwanzig Minuten.“ Till sieht mich erwartungsvoll an. Es ist zu warm zum Kuscheln.

Beim Essen erzählt er vom neuen Auftrag, vom Online-Meeting mit der Büro-Gang und dass er Claas auf dem Markt getroffen hat. Ich schiebe Bohnen mit Ei und Muskat auf dem Teller herum. Wer ist Claas?

„Ist schön so, oder?“ Till lächelt.

Klar. Alles entschleunigt. Zeit zum Kochen, Zeit zum Essen. Achtsamkeit und so. Corona lässt uns neue Richtungen denken. Neu ist gut. Oder?

„Du bist schön.“ Till betrachtet mich über den Tisch hinweg. Er meint es ernst.

Auflauf aus Schnittbohnen, reichlich al dente. Oma würde den Kopf schütteln. Neumodisch, würde sie sagen.

„Das Timing wäre doch gut“, sagt Till. 

 Ich hebe die Brauen.

„Für Kinder, meine ich.“ Till greift nach meiner Hand. „Ich finde uns super, zusammen, und ich dachte mir, also, weil es einfach irgendwie stimmt.“ Er lacht. „Ich drück das blöd aus, oder? Aber ich fände es wirklich richtig gut.“

Sesam-Eis. Heute zum erstem Mal gegessen. Neu ist gut. Gut ist das neue Schön. Oder? 

Ich habe absolut keine Ahnung, wer Claas ist.