Pusteblume Freefall (Teil 1)

Mayday, steht auf Lous T-Shirt, große, grellrot zerfaserte Buchstaben auf schwarzem Grund. Farbe und Text sind verwaschen, das nimmt der Sache ein wenig Dramatik. 

Lous Mundschutz ist aus Baumwollte, mit Bambusmotiven verziert, Blattsalat in knallkackegrün. Der Stoff riecht muffig. Ich trage das gleiche Modell.

In der Apotheke gab es nichts anderes.

Wir haben das T-Shirt zusammen gekauft, 2019, mitten im Gedränge auf einem Markt in Chiang Mai. Im Sommer nach Thailand, ihr seid doch wahnsinnig, sagten die Leute.  Die Luft war so dick, dass der Horizont flimmerte, sich Farben, Formen, Geräusche und Gerüche vermischten. Ich habe einen Haufen Fotos im Handy, doch meine lebhafteste Erinnerung ist dieses Kaleidoskop.  Augen zu, dann wiederholt sich der Trip.

Es muss eine Weile vorhalten.   

2020: Spaziergang im Park. Eis auf die Hand bei der Emma am See. Maskenpflicht in der Schlange. Die Masken haben wir auch zusammen gekauft. Baumwolle im Sommer. Wir sind doch wahnsinnig. 

Lou und ich setzen uns auf die Wiese, jeder mit seinem Eisbecher, in angemessenem Abstand. Komisch, nur wir beide, ohne Till. Inzwischen darf man ja wieder raus, mit mehr als zwei Personen.

Till hält es alleine gut aus. Lou und ich nicht.  

Lou hält mir seinen Eislöffel hin. ,,Willst du?“ Klar will ich. Das Eis schmeckt nach Sesam. Hab ich noch nie probiert. Premiere also.

,,Schau mal.“ Lou zeigt auf die Grünfläche. Da stehen zwei einsame Pusteblumen, ziemlich spät für die Jahreszeit.  

Wir grinsen uns an. Wollen wir? Klar wollen wir.

Wir schnappen uns einen watteweichen Samen, natürlich jeder einen eigenen, und warten auf den nächsten Windstoß.  Der wirbelt uns hinauf, macht uns zu Windtänzern, oder, von mir aus, zu Windpassagieren. Gibt es eine Maskenpflicht im Pusteblumenexpress? Muss ich nachlesen. Wir lachen uns mit den Augen an, bekommen Schieflage, stoßen zusammen, weil keiner von uns weiß, wie man so ein Ding fliegt.

Ich rieche Lou. Schweiß, Sonnencreme, Sesam-Eis.

Wer hat aus meinem Becherchen gegessen? Mit demselben Löffel aus ein- und demselben Becherchen?  

So viel zur Abstandsregel, denke ich.  Und knalle zurück auf den Boden der Tatsachen.