Kollateralschädel

28. April 2020                      

Seit das Corona-Wetter, BlauinBlau und Sonnensatt, verschwunden ist, seit gestern aus einer Wolke ein weißer Pudel und heute früh ein schwarzer Feuerdrache ins Firmament entsprangen, ist meine Stimmung dahin. Die Lockdown-Kollateralschäden sind immens, mindestens 30% der Bevölkerung befinden sich in Angst, der Rest in lethargischer Depression. Gestern erzählte mir ein Nachbar, der eine Mask-Time-Video-Party veranstaltet hatte, dass das Leben nicht mehr lebenswert sei.

Die Verhaltensstörungen sind nicht zu übersehen. Das immer professionellere Ausweichen hat nichts Tänzelndes mehr an sich, eher wirkt es so, als flüchte man voreinander: nur schnell nach Hause, bloß kein Kontakt, rasch hin zu Konserven, Klopapier und anderem Vorrat. Wo war bloß der Dosenöffner?

Fremde Menschen schreiben mich an. Ob ich denn wirklich beim Skifahren war. Womöglich in Ischgl. Was für ein Wort: 5 Konsonanten hintereinander! 

Nein: Weder war isch ischgln, noch fahr ich Ski, auch wenn ich aus einer Stadt stamme, von deren höchster Erhebung man bei Föhn die Alpen erblickt. Wer weiß schon, dass der Olympiaberg früher Schuttberg hieß? Dass sich darunter Trümmer des Zweiten Weltkriegs befinden?

Dort ganz in der Nähe bin ich aufgewachsen. Dort lebt meine Familie, die ich eigentlich besuchen wollte. Doch dann kam Corona.

„Dann kam Corona! Schallallallallaallaa!“ Ein schmalzlockiger Sänger mit Gamsbart stolziert durch meinen Kollateralschädel, schnalzt mit Daumen und Zeigefinger im Takt. Er setzt einen Fuß auf meinem Hypothalamus ab, stützt lässig seinen Arm aufs Knie.

„Da nützt die Bahncard auch nichts mehr, was?“ 

Er führt etwas im Schilde, biedert sich an.

„500 Euro und ich bring dich coronafrei nach München“, raunt er mir zu. Breitet seine Arme aus, winkelt die Knie an, um sich – autsch! – von meinem Hypothalamus abzustoßen. 

Karlsson überm Schreibtisch, fledermausflatternd, während der Himmel immer schwärzer wird. Es brennt im Industriehafen. Von hier aus verschwindet der Weser-Tower, taucht die Welt lautlos in Dunkelzeit.